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Zugfahrt
Sie hat nur eine kleine Tasche dabei, mit dem Nötigsten. Ausrüstung für eine Affaire... Und eine Einkaufstüte vom Weihnachtsmarkt - Ihr Alibi. Draußen ist es kalt, deshalb hat sie eine Pelzjacke angezogen, politisch nicht korrekt, aber das Fell schmeichelt ihrem Teint.. und sie will ja gut aussehen, für ihn. Sie hat sich geschminkt, ein bißchen ungeschickt. Er wird es nicht bemerken, und wenn doch, dann sagt er nichts dazu. Sie haben immer nur so wenig Zeit... warum dann reden? Er redet nicht gerne über sich, und sie hat das Gefühl, er will lieber nichts von ihrem Alltag wissen. Das zerstört das Geheimnis, hat er mal gesagt. Damals hat ihr das gefallen... Im Zug ist es viel zu warm, die Luft riecht abgestanden, die Atemluft schlägt sich als Kondenswasser an den bereiften Scheiben nieder, und irgendwie riecht es ein bisschen nach nassem Hund. Schäbig, zweitklassig... sie redet sich ein, es wäre ihr egal. Ich möchte nur ankommen, endlich ankommen, sagt sie sich. „Ob man es mir wohl ansieht“, denkt sie. Sieht sich selbst da sitzen, schmal, blass, die blonden Haare sorgfältig gescheitelt, biederes Kostüm, die Hände um die Tasche verkrampft, der unruhige Blick, das schuldbewusste Zusammenzucken, wenn jemand das Abteil betritt... Aus alter Gewohnheit formuliert sie ihre Gefühle in der dritten Person, so bekommt sie den nötigen Abstand, das macht die ganze Angelegenheit unpersönlicher, die Nervosität, das schlechte Gewissen leichter zu ertragen: „Lebensüberdrüssige Frauen in den besten Jahren schlingen derzeit ihre Hände um bunte Einkaufstüten mit glitzernden Weihnachtsengeln drin, denken über Entscheidungen nach, die sie nicht treffen können, von denen sie aber glauben, sie hätten Einfluß darauf.... und sehen aus dem Fenster auf bunte Lichter von Weihnachtsmärkten. Schlechte Zeit zur Zeit für heimliche Affären. Im Freien ist es zu kalt für Sex. Dafür wird es früh dunkel... Obwohl, im Frühjahr verliebt es sich vielleicht eh besser. Alles ist so neu dann, und ein bißchen unschuldig, nicht so abgegessen wie das alte Jahr.“ Sie schaut auf die Uhr, nur noch zwanzig Minuten... ob er es wohl diesmal sagen kann, „Ich liebe Dich“... sie weiss, er wird es nicht tun, und hofft doch. Jedes Mal... Sie denkt an ihre Kinder, und ob sie wohl rechtzeitig zum Abendessen zurück ist. Ob jemand dran gedacht hat, den Hund rauszulassen? Der Hund liebt sie doch so. Wenigstens einer. Der Gedanke kommt ungebeten. Sie gibt sich einen Ruck, zwingt ihn in den Hinterkopf. In Gedanken verteidigt sie ihre Familie, verteidigt den Mann, zu dem sie unterwegs ist... wir haben alle unsere Probleme. Ich darf nicht so viele Ansprüche stellen... Sie denkt, sie ist pflichtbewußt. Sie weiss, dass das ein Widerspruch ist zu dem, was sie da tut... dann denkt sie nicht mehr weiter darüber nach. 20 Jahre Pflichterfüllung... und was ist davon geblieben? Was ist ihr geblieben? Zynische Gedanken, aber im Herzen Hoffnung... schließlich ist bald Weihnachten.
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