Achtung, Satire ;-)

Zufrieden? Zufrieden!

Über die Unzufriedenheit und das Glück im Mittelmaß

Heute ist es "in", chronisch unzufrieden zu sein...

Wie man es auch betrachten mag: die meisten finden sich nicht schön genug, mit Intelligenz protzen die wenigsten, und einen reichen Vater oder Erbonkel haben auch nur ein paar Glückliche im Stammbaum.

Fast jeder kennt das aus eigener Erfahrung: Wenn man jung ist, denkt man über seine persönlichen Stärken und Schwächen noch nicht so viel nach, man hat das Leben noch vor sich und wartet mehr oder weniger auf den „großen Durchbruch“. Doch bei den wenigsten kommt der auch...

Ab Dreißig ist Frau auch in den eigenen Augen leider kein „Girlie“ mehr. Der Albernheit sollte man nach gängigen Standards entwachsen sein, in seinen Werten und Meinungen gefestigt, daheim dürfen Mann und die Kinder auf einen warten, wenn man vom Halbtagsjob – interessant, aber nicht zu fordernd – nach Hause kommt, wenn möglich ins angezahlte Reihenhaus mit Garten und eigenem Hund, damit man ab und zu ein paar Scheißhaufen wegmachen und sich „mit Grund“ ärgern darf. Als Ausgleich hat man die Kneipenabende mit den Freundinnen und ein leidlich interessantes Hobby, zum Beispiel Korbflechten, oder mit Amnesty International für die Rechte der armen Frauen in Bolivien kämpfen, die keinen eigenen Vorgarten haben...

(So plant man mit Zwanzig, und deshalb genießt man noch mal so richtig das Leben, bevor man sich erlaubt, sesshaft und gediegen zu werden - und verschafft sich damit die notwendige Dosis an Enttäuschungen und Herzeleid, um später ungestraft mit "Lebenserfahrung" zu protzen... )

Zwei Jahrzehnte später ist man in der Regel auch wirklich zumindest um ein paar Pfunde reicher, und nach diversen vollrauschbedingte Hirnzellenverlusten muss man sich seine Schwächen endlich eingestehen und sehen, das im Leben meistens nichts so läuft, wie man es plant und sich zurechtdenkt

Sind wir doch realistisch: Mit Vierzig sitzt man, der heutigen statistischen Wahrscheinlichkeit zufolge, dann abgehetzt und mit den ersten Sorgenfalten in seiner überteuerten, zugigen Dachwohnung herum, oft alleine, oft ohne Kinder, und der Lebensabschnittsgefährte ist gerade mal wieder geschäftlich unterwegs. Den Hund hat man sich dann doch nicht angeschafft, weil es auch in der idyllischen Kleinstadt keine freien Grünflächen mehr gibt, und man zudem zu faul ist, um mindestens zweimal am Tag in den Mainauen im Matsch herumzutrampeln. Die Freundinnen sind längst nach Hamburg oder Bottrop oder in die nahezu identische Kleinstadt in Baden-Württemberg gezogen, wenn man in die Kneipe geht, kennt man kein Schwein mehr, außerdem stinken die Klamotten so eklig nach Rauch, zum Korbflechten hat man keine Geduld, und was gehen einen eigentlich die ungebildeten Weiber in Bolivien an?

Früher hat man noch gewusst, was ein „Höhepunkt“ ist, heute freut man sich auf den Café Latte nach dem Essen wie ein Schneekönig. Die Pflichten werden immer mehr, der Alltag hat Dich fest im Griff. Das neue Jahr ist schon wieder ein paar Monate alt, und man denkt, wohin ist das alte denn so schnell gegangen...

Pläne hat man geschmiedet, hat sich soviel vorgenommen, vielleicht eine neue Liebe, definitiv einen neuen Job, vielleicht sogar alles hinschmeißen und irgendwo noch mal ganz von vorne anfangen, wo es warm ist, und man was Buntes, Ausgeschnittenes anziehen kann, ohne dafür dumme Kommentare von den Kolleginnen einzufangen, wo alles neu und interessant und aufregend ist... aber irgendwie ist man immerzu müde, gute und lukrative Ideen kommen nicht auf Befehl, wenn man sie braucht, und so geht die Zeit dahin, dahin, ganz gemächlich und doch unaufhaltsam, und wieder ist ein Jahr vorbei, verbracht im Mittelmaß.

Früher mal dachte ich, Bezeichnungen wie Durchschnitt, Mittelmass und Mittelweg taugen bloß als Schimpfworte. Genau wie das Wörtchen „nett“ bestens dazu geeignet, jemandem den letzten Rest zu geben, der sich nach Kräften bemüht, nicht in den Sog der allgemeinen Gewöhnlichkeit zu geraten.

Immer, wenn ich an die vielen Gelegenheiten denke, die ich verpasst habe, an die Momente in meinem Leben, wo ich feige war oder auch nur bequem, und nicht meiner inneren Überzeugung gefolgt bin, immer dann denke ich daran, dass es nicht die „eine“ große Entscheidung im Leben gibt, sondern nur viele kleine, und unser Lebensweg nur die Summe dieser kleinen, unwichtigen, unbedeutenden Entscheidungen ist.

Also, wieso nicht mit dem Mittelmaß zufrieden sein?

Schönheit zum Beispiel. Wer immer schon unglaublich schön war, dem fällt vieles in den Schoss. Einfach so, und ohne Anstrengung. Die Welt bemüht sich, verdreht verliebt die Augen, und legt sich der Schönheit gerne zu Füssen. Davon profitiert der oder die Schöne natürlich – zunächst. Aber: diese Mühelosigkeit, dieses unverdiente Geschenk der Schönheit führt mitunter zu Defiziten in anderen Bereichen: Der Schöne wird hofiert, gewöhnt sich dran, muss sich in der Regel nicht so anstrengen. Drum kann es auch passieren, dass er deshalb sein Potential nicht ausschöpft. Und wer sich nicht anstrengt, aktiviert vielleicht zwei oder drei entscheidende Gene nicht, die einem zu dem machen könnten, was man „sein“ könnte – aus eigener Kraft. Das mag nicht immer so sein, aber es ist wohl unbestritten, dass sich der Unscheinbare da schon mehr anstrengen muss als der Schöne, wenn er beachtet werden will. Warum würde es sonst so viele Friseure, Modeschöpfer und Schönheitschirurgen geben?

Irgendwann, im Laufe der Jahre und Jahrzehnte, wird aber jede äußere Schönheit weniger. Die Einladungen werden spärlicher, die Bauarbeiter pfeifen nur noch aus 200 Meter Entfernung, und beim Metzger gibt es keinen Kredit mehr. Verblasst der hübsche Schein, bleibt nur der Mensch wahrhaft schön, der das innere Vakuum mit seiner ebenso gut entwickelten Persönlichkeit auffüllen kann.... Oder mit anderen netten und nützlichen Eigenschaften, die gereift und gewachsen sind, weil man ihnen die Chance dazu gegeben hat. Ist dann aber nichts da an sogenannten „guten“ Eigenschaften, an Charakter, wird es knüppelhart für unsere Schönen..... Doppelt schlimm, weil das eigene Verblühen durch Umstehende, noch „Blühende“ begleitet wird, die ihr Geschenk der Schönheit gerade erst entdeckt und so richtig ausgepackt haben und sich nun in dem Rampenlicht sonnen, das man früher selbst so genossen hat...

Merke: Es wird immer jemand geben, der schöner und jünger ist als Du!

Noch ein Beispiel, aus leidvoller Erfahrung: Klugheit. Fast jeder hält sich für klug – die Dummen generell eher als die wirklich Schlauen -, nicht jeder ist es auch wirklich. Wer immer schon eine Intelligenzbestie war, kriegt als Dauerprimus von klein auf Dresche. Die mag man halt nicht so. Außer, man kann von ihnen abschreiben. Parties gibt es keine, außer man erkauft sich seine Einladung mit irgendwas. Das Wissen, das man ewig nur geduldet ist, erzeugt dann andere Defizite und Komplexe.... Wenn man es schafft, diese Macken auszugleichen, hat man die Chance, ein „angenehmer Kluger“ zu werden. Im besten Fall durch Witz, sofern man niemand spottet und keinem weh tut. (Achtung: Damit hat man aber keine Chance, berühmt und mit der eigenen Talkshow zum Promi zu werden! Entscheidet Euch!). Am einfachsten funktioniert das mit dem „angenehm sein“ noch immer dadurch, das man einfach im Gespräch an den richtigen Stellen den Mund hält, weitestgehend harmlos aussieht und auch sonst keinen nervt.

Wenn man das nicht schafft, bleibt nur noch, die Intelligenz mit Wut zu kultivieren und zum Beispiel ein Physiker zu werden, der die Atombombe weiter entwickelt, nach dem Motto: „Irgendwie und Irgendwann werde ich es der Menschheit schon zurückzahlen“.

Schafft man das auch nicht, gilt trotzdem der Satz, dass die Einseitigkeit überragender Klugheit (kein Erfahrenswert, so gut bin ich nicht!) in der Anpassung zu einer besonderen und genialen Form von Dummheit verkommt... Zum Beweis: Sogenannte Fachidioten, die mit ihrer unwillkommen Expertise nerven, haben wir doch schon genug... Schaltet nur mal vormittags Euren Fernseher ein!

Für den Skeptiker meiner Mittelmaß-Theorie noch ein Beispiel: Reichtum. Immer viel Kohle von klein auf macht das Leben angenehm. Für einen selbst. Für andere Menschen zuweilen etwas weniger... Einige andere Werte, die nichts mit Geld und Luxus zu tun haben, besonders der humanistischen Art, sollten da schon mit gepflegt werden, sonst wird man für die Umwelt unerträglich. Man denke nur an die neureichen Zicken, die den Nachmittagslunch im Golfclub mit Ihrer bornierten Anwesenheit veredlen...

Hier sollte man schon die bekannte Launigkeit des Schicksals nicht vergessen, denn: verabschiedet sich die Selbstverständlichkeit des Reichtums, hat man das Erbe dann zum Beispiel an der Börse verspielt, oder (wenigstens kurzfristig unterhaltsamer) mit Wein, Weib und Gesang verprasst, ist garantiert keiner der alten „Freunde“ und Nassauer da, die uns sagen wie es im Leben weitergeht, auch ohne den gewohnten Luxus... Ignoranz und Arroganz gepaart mit Reichtum sind schon unerträglich genug. Fällt der Reichtum weg, kann sich keiner mehr in der Öffentlichkeit blicken lassen, ohne Hiebe einzustecken. Soviel verzeiht Dir keiner!

Durchschnitt und Mittelmass haben es da einfacher. Die können langfristig fast nur gewinnen, in Richtung schön oder klug oder reich oder sonst wohin. Noch besser: Von Ihnen erwartet keiner was. Wenn Sie nicht schöner, klüger, reicher werden wollen oder können –niemand nimmt es ihnen übel! Man erwartet von Ihnen auch nicht ständig etwas, was sie nicht sind oder nicht leisten können – man nimmt sie einfach hin, wie sie sind. Und wollen wir nicht alle so geliebt und beachtet werden, wie wir sind?

Geschenke aus der Wiege sind eine Verantwortung. Natürlich können manche besser mit ihnen umgehen als andere – pfleglich, einfühlsam, objektiv und mit wachem Auge für mögliche Defizite. Andere wiederum gehen dran kaputt. Warum erzählt einem das eigentlich keiner, bevor das Leben zuschlägt?

Man könnte auch sagen: Selbst Gemachtes, was auch immer, selbst Erarbeitetes, organisch Gewachsenes, durch das Leben Gewonnenes, das jeden Durchschnitt sprengt, ist und bleibt gut, weil es ungefährlich ist: Verliert man es wieder, erinnert man sich daran, wie es vorher war, denn es gab ja ein Leben „davor“: das Leben im partiellen Durchschnitt. So schlecht war das gar nicht. Man kennt die Wege hin und zurück. Alles bleibt offen. Distanzen sind deshalb kurz und überbrückbar - in beide Richtungen.

Geschenke, die man vom Start weg mitbekommen hat, tragen das Potenzial der Katastrophe in sich, weil keine Erinnerung und keine Rezeptur für das „Davor“ existiert. Das kann ein Geschenk von Schönheit, Reichtum oder Klugheit zu einer tickenden Zeitbombe machen, der einem brutal ins Gesicht explodiert, wenn sich das Geschenk zu verabschieden beginnt. Und der lange Weg zurück ins Mittelmaß ist in der Regel steinig und führt durch unbekanntes Feindesland.

Noch ein Beweis für das Geniale im Mittelmass: Irgend ein Wissenschaftler hat sich vor kurzem mal gelangweilt. Und weil er halt nichts Besseres zu tun wusste, hat er die Gesichter der Starmodels vermessen, die uns aus den Society-Magazinen entgegenlächeln. Und was, verehrter Leser, kam dabei heraus?

Alle Models repräsentieren das perfekte (statistische) Mittelmaß, von der Nasenlänge bis zum Brauenschwung, von der Kinnkante bis zur Ohrengröße.. Sollte uns das nicht zu denken geben?

Das lässt doch nur den Schluß zu, dass das Mittelmaß das Maß aller Dinge ist.... Drum:

Egal wie sehr Du dich mit Dir langweilst – sag nie wieder etwas gegen das Mittelmaß. Sei mit dem zufrieden, was Du hast – und mach das Beste draus. Und wenn Du über Vierzig bist, denk dran, dass auch das „Mittelalter“ seine guten Seiten hat...

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