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Der Froschkönig Auch heute noch, nach all den Jahren: immer wenn ich einen Regenwurm sehe, denke ich an Guntbert. Es begann, als die wilden Siebziger Jahre in den letzten Zügen lagen, während einer meiner ersten Unterrichtsstunden im Biologischen Grundpraktikum für Frischlinge, Erstsemester Studiengang Biologie, an der Johann-Wolfgang-Goethe Universität in Frankfurt. Vor mir in der Präp-Schale lag unter einer dünnen Schicht von Wasser so ein armer kleiner Regenwurm, längs aufgeschnitten, die Bauchhöhle mit den vitalen Organen pathetisch freigelegt, mit großen weißen Schwesternnaden gestreckt, fixiert und für meine holprigen Sezierversuche unentrinnbar aufgebahrt... das dumpfe Dröhnen der Stimmen um mich herum, die Ermahnungen und Erklärungen von Prof und Hiwi's (Hilfswissenschaftler - der Name sagt alles!) im Ohr, eine leichte Übelkeit in der Magengegend, da habe ich zum allerersten Mal seinen warmen Atem in meinem Nacken gespürt, seine dunkle, ebenso warme Stimme gehört, die zu mir gesagt hat: „...und woran sieht man jetzt, ob der Regenwurm schon geschlechtsreif ist?....“ Damals wusste ich noch nichts von der unheilvollen und unsäglichen Verkettung von Angst, Lust und Ekel, die üblicherweise die Geburtenrate nach Katastrophen hochtreibt, ich habe nur dieses schwummerige Gefühl im Bauch und zwischen den Beinen gehabt, und gewusst, dass da etwas mit mir passiert, was meinen Blick auf die Welt und auf mich selbst komplett und total geändert hat, unwiderruflich, no way back... Ich habe mich - das Seziermesser mit festem Griff in der Hand - herumgedreht und geradewegs auf seinen Brustkorb - schwarzes Hemd, ziemlich gewagt damals zu Flower-Power-Zeiten - geschaut, ich bin nämlich nur 1.57 m groß, und er ging irgendwie in der Länge immer weiter... bis auf 2,03 m, wie ich später erfahren habe. Als ich meine Augen hob, hab ich zuerst nur weiter oben einen offenen Hemdkragen gesehen, aus dem es auch noch teuflisch gut nach warmen Mann und Hormonen in Wallung roch, und noch weiter oben fiel mein Blick dann auf diesen breiten, lachenden Mund, auf eine gutgeschnittene Nase und darüber dann das durchdringendste Paar Augen, in das ich je geblickt hatte..... Und das alles zusammen (nicht zu reden von den kräftigen Beinen in den verwaschenen Jeans, den durchtrainierten Armen, die die aufgekrempelten Hemdsärmel freigaben, das dunkles Haar im „bin-grade-erst-aus-dem-Bett-gekrochen-und-war-bestimmt-nicht-alleine-Look“), dieses ganze perfekte Paket Mann, das alles zusammen stellte sich als „Guntbert Schwanzel“ vor, „Erstsemester, - ich komme jetzt öfter.::“, mit einem Augenzwinkern, dass mir sofort die Schamröte ins Gesicht und eine heiße Welle zwischen die fast-noch-jüngfräulichen Beine trieb, ein Zustand, an den ich mich von da an gewöhnen musste.... Von diesem Moment an sah ich eigentlich nur noch ihn, nicht die langweiligen Kommilitonen im Endsiebziger Schmuddellook, mit speckig gescheuerten Cordhosen, den unvermeidlichen Palestinenser-Feudel um den Hals gewürgt, Zähne schwarz von den billigen Selbstgedrehten, auch nicht die Prof's, und schon gar nicht die endlose Reihe kleiner Tierleichen, denen ich meine Aufmerksamkeit widmen sollte, sondern nur noch Guntbert: Morgens auf dem Parkplatz, wo er seine langen Beine aus dem kleinen, verbeulten NSU-Prinz falten musste, den er fuhr, mittags beim Butterbrot-Essen auf der Parkbank vor dem Vorlesungssaal, und am späten Nachmittag im Präp-Kurs... ich sah nur noch ihn an. Natürlich hat er gleich gemerkt, dass ich wahnsinnig in ihn verschossen war, und natürlich hat er mich gründlich verarscht. Man muss dazu sagen, dass der Studentinnen-Jahrgang Bio 19XX nicht gerade durch Pinup-Charakter glänzte, ich war, sozusagen, unter den Blinden die Einäugige, dass heisst, ich war – was nicht weiter schwierig war – noch mit Längen das hübscheste Mädchen im Hörsaal, und damit natürlich oberstes Angriffsziel für Guntbert's Anatomiestudien am lebenden Objekt....
(To be continued... maybe
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